Gerd Kommer und Christian Thiel im Gespräch

Warum ich von der finanziellen Freiheit nichts halte

Christian Thiel

Christian Thiel

24. Dezember 2022

Finanzielle Freiheit ist heutzutage ein sehr populäres Lebensziel. Hunderte von Blogs schwärmen davon, wie toll es wäre (oder ist), keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgehen zu müssen und stattdessen seine Zeit in einer Hängematte in der Karibik oder einem Liegestuhl in Brandenburg zu verbringen. Je früher, desto besser. Ihr Motto: Spare fleißig und werde glücklich. Warum die vorgezogene Rente für Christian Thiel keine Option ist und er so lange arbeiten möchte, wie es ihm Freude bereitet, schreibt er in einem sehr persönlichen Beitrag.

Vom angeblichen Ideal der finanziellen Freiheit ist in vielen Blogs und Büchern die Rede. Nicht mehr arbeiten und entspannt zurücklehnen. Welch ein Traum. Wenn die sich da mal nur nicht irren. Die Forschung in dieser Frage kommt jedenfalls zu einem ganz anderen Ergebnis. Sie stellt fest, dass Menschen gesünder sind und länger leben, wenn sie länger arbeiten. Nicht kürzer. Aber was zählen schon Fakten, wenn es gilt, eine populäre Ansicht episch auszumalen. Nichts.

Unsere Kultur ist fest davon überzeugt, dass Arbeit unglücklich macht und Freizeit glücklich. Wir bestätigen uns diese Ansicht wieder und wieder – obwohl die Forschung große Zweifel an diesem Mythos hat (siehe: Csikszentmihalyi „Flow. Das Geheimnis des Glücks“). Es gilt als schick und angesagt, über die Arbeit zu stöhnen – auch wenn sie noch so viel Freude macht.

Und es gilt auf der anderen Seite als Schick und angesagt, die Freizeit zu loben – auch wenn wir mit ihr wenig anzufangen wissen und sie nutzen, um vor dem Fernseher oder zum Binge Watching abzuhängen.

Gerd Kommer und Christian Thiel im Gespräch

Meine Rente kommt näher

Kommen wir zu mir und zu meiner Rente. Wann ist es bei mir soweit? Offiziell in ziemlich genau 18 Monaten. Dann wird meine vor 28 und einem halben Jahr abgeschlossene Lebensversicherung ausbezahlt. Ich kann dann den Griffel fallen lassen und mich fortan in einen Liegestuhl legen. Oder in eine Hängematte in der Karibik. Der Blog grossmutters-sparstrumpf wird dann geschlossen und die Facebook-Aktiengruppe „Kleine Finanzzeitung“ auch. Ich bin ja dann in Rente!

Ob ich das wirklich tun werde?

Nein, natürlich nicht. Das Problem an diesem Plan ist: Was soll ich dann mit der vielen freien Zeit anfangen? Ich könnte es so machen wie Lars Hattwig und Tim Schäfer, zwei der bekannteren Vertreter der finanziellen Freiheit. Oder der noch bekanntere Bodo Schäfer. Alle drei schreiben und reden wieder und wieder auf ihren Blogs und in Vorträgen und in Seminaren darüber, wie unglaublich toll es ist, finanzielle frei zu sein. Sie nehmen sogar Videos auf und schreiben Bücher, in denen sie die Vorteile der finanziellen Freiheit lang und ausführlich erläutern. Seltsam ist nur: Alle drei liegen weder in Brandenburg ganz relaxed in einem Liegestuhl noch in der Karibik in einer Hängematte – obwohl das doch angeblich so unglaublich toll ist.

Stattdessen machen sie das, was ihnen am allermeisten Spaß macht. Sie arbeiten.

Finanzielle Freiheit

Das Problem ist nur: Das mache ich doch auch! Seit vielen Jahren sogar. Ich schreibe mit grossmutters-sparstrumpf einen Finanz-Blog – weil es mir Spaß macht. Ich mache für die Leserinnen und Leser meines Blogs ein Geldseminar – weil es mir Spaß macht. Ich berate Singles bei der Partnersuche – weil es mir Spaß macht. Und ich berate Paare, die in eine schwere Ehekrise geraten sind. Weil es mir Spaß macht? Ja, sicher! Was dachtest du denn? Dass ich mich zur Arbeit schleppe und zähneknirschend sage „So ein Mist, heute wieder eine schwere Ehekrise. Viel lieber würde ich in der Karibik in einer Hängematte liegen“?

Vergiss es. Arbeit muss Spaß machen. Das ist meine Devise. Und sie wird es wohl noch für lange Zeit bleiben. Auch wenn meine Rente offiziell schon in 18 Monaten beginnt, weil ich vor 28 und einem halben Jahr schlicht noch keine Ahnung hatte, dass mir die Rente mit 61 nicht liegt und meine Lebenserwartung zudem auch deutlich höher ist, wenn ich noch ein paar Jährchen dranhänge.

Vielleicht ist dir ja bei der Aufzählung gerade aufgefallen, dass ich ziemlich vielen unterschiedlichen Tätigkeiten nachgehe. Ja, das ist ein Teil der Geschichte. Wenn ich nur eine der Arbeiten machen würde, dann wäre ich nicht so zufrieden mit dem, was ich tue. Dabei war von der Arbeit, die ich oft am allerliebsten mache jetzt noch gar nicht so richtig die Rede: Ich schreibe unglaublich gerne.

Finanzielle Freiheit

 Ich schreibe zum einen auf meinen beiden Blogs grossmuttes-sparstrumpf und herzenssache365. Ich schreibe zudem regelmäßig Kolumnen (welt.de). Und schließlich schreibe ich Bücher. Bücher zur Liebe. Bücher zum Thema Finanzen. Das Schreiben ist übrigens der Teil meiner Arbeit, der am wenigsten einbringt. Im Grunde kann ich mir das Schreiben nur leisten, weil die anderen Arbeiten besser bezahlt werden. Beim Bücherschreiben komme ich netto auf einen Stundensatz von 5-7 Euro. Und gerade das mache ich ganz besonders gerne!

Und wie stehe ich nun zur Hängematte?

 Positiv. Ich liege jeden Tag einige Stunden darin, genieße das Leben und freue mich, dass ich einmal wieder mit fünf oder sechs Stunden Arbeit genug getan habe. Ohne Ruhephasen geht es nicht. Work-Life-Balance nennt man das heute. Ich sitze mit einem Cappuccino im Café, wenn andere bei der Arbeit sind. Ich gehe vormittags joggen oder schwimmen. Oder ich fahre mit dem Rad in eines meiner Lieblingscafés am Berliner Mauerpark (Café Frau Krüger). Oft lese ich auch: Bücher zu Finanzen. Bücher zur Liebe. Ist das dann Freizeit? Oder gehört es zur Arbeit?

Schwierige Frage. Ich würde sagen: Es macht mir Freude! Und es nutzt meiner Arbeit ganz enorm. Ein Buch ist ein stundenlanger Dialog mit einem Autoren oder einer Autorin. Ich würde es möglicherweise nicht tun, wenn ich nicht ein klares Ziel hätte – das Schreiben. Um gute Texte zu schreiben, brauche ich ständig neuen Input. Ein Buch zu lesen, das ist ein langer Dialog mit einem Autoren oder einer Autorin. Manche von denen sind unfassbar klug und mein Dialog mit ihnen hat mir zu vielen neuen Ideen verholfen.

Ich will dir zwei Beispiele geben.

Erstens. Eines der klügsten Bücher zur Liebe ist von Prof. John Gottman, der vierzig Jahre zur Liebe geforscht hat. Mehr zu ihm und zu seine wunderbaren Buch „Die Vermessung der Liebe. Vertrauen und Betrug in Paarbeziehungen“ findest du hier.

Mit der Liebe ist es in unserer Kultur leider wie mit der Einstellung zur Arbeit. Wir wissen viel zu wenig darüber. Und stattdessen folgen wir populären Mythen. Schlechte Idee.

Zweitens. Ganz herausragend im Bereich Geldanlage ist das Buch „Stocks for the long run“ von Prof. Jeremy Siegel. Viele meiner langfristigen Ansichten zur Entwicklung des Aktienmarktes gehen auf meinen Dialog mit Jeremy Siegel zurück.

Finanzielle Freiheit

Woher kommt nur diese ganze verquere Diskussion über die „finanzielle Freiheit“ und die angeblichen Vorzüge der Hängematte und des Liegestuhls? In meinen Augen hat es vor allem damit zu tun, dass viel zu viele Menschen Berufen nachgehen, die ihnen nur sehr wenig Freude machen. Und dann fehlt ihnen der Mut zu Veränderungen. Besonders mutlose Zeitgenossen haben sich schon für ein Studium entschieden, dass ihnen wenig Freude gemacht hat, dafür aber ein gutes Einkommen versprach. Und genau das ist ein Irrweg. Er macht uns anfällig für anhaltende Unzufriedenheit mit unserem Leben und für Phantasien über die „finanzielle Freiheit“, für die wir angeblich in unserem unbefriedigenden Beruf verbleiben sollen und ganz viel sparen müssen.

Reichlich Geld und nicht arbeiten müssen – ich halte dieses Motto der Anhänger der finanziellen Freiheit für einen Irrweg. Die unglücklichsten Menschen, die ich als Berater zu Gesicht bekomme, müssen nicht mehr arbeiten. Und sie haben reichlich Geld. Manche hatten noch nie eine Arbeit. Sie leben von einem ererbten Vermögen. Glücklich sind sie dabei nicht. Sie stehen morgens auf und das einzige, was sie an dem Tag zu tun haben ist – ihr Geld zu zählen.

Finanzielle Freiheit

 Andere sind frühzeitig in Rente gegangen. Sie waren Manager bei Bayer, Hoechst oder Vattenfall und haben sich mit 59 Jahren verabschiedet. Hossa – das wahre Leben ruft! Pustekuchen. Drei Jahre später sind sie ein Schatten ihrer selbst. Sie haben eine Lebenskrise und eine Ehekrise noch dazu. Warum?

Erstens: Es fehlen die Arbeitskollegen. Zweitens: Es fehlen die Erfolge bei der Arbeit. Drittens: Unsere geistigen Kräfte lassen sehr schnell nach, wenn wir sie nicht mehr regelmäßig nutzen. Viertens: Die Ehefrau ist zunehmend genervt von dem ständig anwesenden Mann.

Die Verrentung eines Mannes gilt Soziologen heute als eine der schwersten Lebenskrisen. Die Frage ist nur: Warum sagt uns das keiner? Und warum bemühen sich hunderte von Blogs darum, uns die wahnsinnig tollen Vorteile einer möglichst schnellen Verrentung in den schillerndsten Farben auszumalen, wenn das alles in der Regel nicht der Wirklichkeit entspricht?

Die Faktenlage ist ganz anders: Wer im Alter arbeitet, der ist geistig wie körperlich fitter. Auch deshalb ist er glücklicher.

Neulich habe ich in ein wirklich großartiges Buch über besonders langlebige Menschen gelesen (The Blue Zones. 9 Lessons for Living Longer From the People Who’ve Lived the Longest). Beinahe alle Menschen in diesem Buch zur Langlebigkeit arbeiteten so lange es überhaupt nur ging. Und ganz offenkundig war genau das einer der Gründe, warum sie so ein langes Leben genossen. Sie blieben aktiv.

Einer von ihnen war ein 92-Jähriger, der noch regelmäßig zur Arbeit ging. Er war Chirurg. Eine ziemlich anstrengende und verantwortungsvolle Tätigkeit. „Sind Sie der denn noch gewachsen“, wurde der Mann oft gefragt. Er hat dann immer milde gelächelt und gesagt: „Wenn ich nicht mehr gut bin, dann werden die Kollegen es mir sagen.“

So wie ich die Forschungslage zur Frage des Arbeitens im Alter kenne, ist es nicht übertrieben zu sagen: Wenn dieser Mann nicht mehr arbeiten gehen würde, dann wäre er möglicherweise schon lange tot. Mit Sicherheit aber wäre er nicht so fit. Wer aktiv bleibt, der lebt länger. Und er ist glücklicher. Seine Kräfte lassen nur langsam nach. Sein Selbstwertgefühl freut sich an den Erfolgen und eine Altersdepression bekommt er so natürlich auch nicht.

Finanzielle Freiheit

 Was wird denn nun aus deiner Rente?

 Sie ist vertagt. Das Geld aus der Lebensversicherung wandert in den Aktienmarkt. Nicht komplett, aber zum allergrößten Teil. Den Renteneintritt habe ich verschoben. Ich bin über die Jahre zum Anhänger der Rente mit 87 geworden. Ob das auch klappt? Who knows! Es ist ja nur ein Plan. An den Details muss ich noch feilen.

Die Hürden für die „Rente mit 87“ sind sehr hoch, das ist mir bewusst. Erstens. Das Arbeiten muss Spaß machen. Nicht bei jedem Beruf ist das so. Zweitens. Jemand muss mir die Chance geben, zu arbeiten. Auch das ist nicht in allen Berufen gewährleistet, auch bei Freiberuflern nicht. Drittens. Ich werde meine Arbeitszeit weiter reduzieren. Das ist für mich zum Glück ganz einfach. Viertens. Meine Gesundheit muss mitspielen – das ist bekanntlich alles andere als sicher.

Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag mehr in deinem Leben zu arbeiten.

Konfuzius

Und wie findest du die finanzielle Freiheit?

 Gar nicht so schlecht. Ich bin allerdings für einen ganz anderen Weg, einen den schon Konfuzius vorgeschlagen hat. Wer nicht mehr arbeiten will, der sollte sich eine Tätigkeit suchen, die ihm sehr viel Spaß macht, einen Beruf, den er „liebt“, wie Konfuzius sagt. Dann braucht er keinen Tag seines Lebens mehr zu arbeiten. Und ist, so gesehen, auch finanziell frei.

Das ist in meinen Augen kein einfacher Weg. Eine Arbeit suchen, die ich liebe – ich mache das jetzt seit 28 Jahren (und plane, es noch weitere 28 Jahre zu tun). Aber das ist kein Selbstläufer. Es erfordert eine Menge an Selbstreflexion (Was will ich?), an Überlegung (Was ist realistisch, was nicht?) und an Einsatz (Wie erreiche ich mein Ziel?). Über all diese Fragen muss ich nachdenken. Und entscheiden.

Vielleicht sind die vielen Blogs die den simplen Weg zur „finanziellen Freiheit“ verkünden ja deshalb so erfolgreich, weil sie den Menschen das Nachdenken abnehmen. Und das Entscheiden. Einfach konstruierte Fastfood-Gedanken. Ein Griff ins Supermarktregal und die vorgefertigte Tütensuppe ist mein. „Finanzielle Freiheit“ to go.

Glaub mir: Selber denken macht schlau. Und selber entscheiden macht glücklicher.

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